Wir hören Klänge, die dermaßen deutlich von „gerade eben“ sind, dass die Zeitreise in die Vergangenheit, die mit diesem Projekt unternommen wird, umso überraschender und deshalb eindringlicher wirkt. Überraschend vielleicht auch für die Künstler selber, denn sie haben die Blütezeit der Vinylplatte meist selbst nicht erlebt. Wie jede gute Hitparade oder „3x9“-Zusammenstellung endet auch diese Platte mit einem „Schnelldurchlauf“, hier allerdings als Remix kurzer Samples – somit denkbar weit entfernt von allen Refrain-Abfolgen eines Dieter Thomas Heck oder einer Werbung für die „Super 20“ von Ariola.


Wenn aber Peter Schumbrutzki, der Initiator dieses Unterfangens, in seinem Stück uns scheinbar wieder mit Klängen von Spieluhren oder präparierten Klavieren konfrontiert, dann schlägt die Nostalgik der schwarzen Scheibe in eine neuartige Qualität um: klasssisch analoge Maschinenklänge werden hier digital neu erfunden und verbunden, dann aber auf dem analogen Schallträger des 20. Jahrhunderts schlechthin wieder dahin geführt, wo sie herkommen – in der Summe entsteht aber etwas vollkommen Neues.


Ähnliches passiert auch den jüngeren Künstlerinnen und Künstlern, ob nun die verkehrte Klangerzeugung wie bei…

Das Stück des „VfK Osnabrück“ jedenfalls ist in meinem Kopf perfekt vollendet – doch Vorsicht! Hört man die Anweisung der Künstlerin zu oft, dann erhalten die einzelnen Skandeure sämtlich ihre Stimme und aus dem doppelten Boden der Absichtserklärung wird ein bodenloses Unterfangen.

Ich selbst habe die Stücke vorab von digitalen Klangträgern gehört, aber einem Stückes wie „in passing“ wird ein Gutteil des Reizes hinzugefügt, wenn die nebensächlichen Geräusche eines Alltags, die hier in den Vordergrund gestellt werden, in dem köstlichen Knistern und warmen Rauschen verschwinden, das uns seinerzeit so an den Schallplatten ärgerte. Gleiches mag für das ungleich agressivere „backslash“ gelten. Auch das an „I am sitting in a room“ geschulte Konzept der „Corneliusstraße“ gewinnt eine weitere Dimension durch die ungewollt-begrüßten Nebengeräusche.

Die eher musikalisch ausgerichteten Stücke des Albums überzeugen in ihrer Unbefangenheit im Umgang mit den Parametern Tonhöhe und Rhythmus, eine Unbefangenheit, die mit Naivität nicht verwechselt werden darf. Wenn in „strom“ die 80er-Jahre-Synthie-Chöre einsetzen, dann dürfen sie unvermittelt zwischen Durdreiklang und Cluster wechseln, doch erlaubt ist hier nicht was gefällt, sondern verboten, was dem Geschmack des Gediegenen entspricht. Die elektronische Clubkultur hat uns hier die Köpfe freigepustet und Raum geschaffen für das muntere Miteinander des Hohen und Niederen, des Rohen und des Gekochten.


Hans-Peter Reuter

a reuter b  bornhold

ab  -  cd