ab cd  umzingelt von Klängen

13. Dezember 2012      



Es riecht nach Schnee, welchen wir traditionell zu betrachten vergessen. Die Uhren sind auf Winter eingestellt. Still ist es heute, ich höre nur meinen Kühlschrank vor sich hin blubbern. Ein zartes Zirpen sich in den Raum schiebend. In einem gefaltetem Pappschuber befinden sich 11 Siebdrucke. Sie wurden gerade gebracht. Später werden diese 11 in einem Papierschuber einer Langspielplatte 12 Inch stecken.


Den heißen Brei umzingelnd brauche ich noch eine Weile mich anzunähern.

Klangkunst gilt gegenwärtig als eine der innovativsten neuen Kunstdisziplinen. Diesen Prozess des Allgegenwärtig-Sein kann man schon die letzten 10 Jahre beobachten. Dieses Projekt ab cd  knüpft an die Arbeiten dieser Jahre an und möchte diese Entwicklung ausbauen – um für Klangkunst zu interessieren und zum Entdecken einzuladen, sie in der Kunstszene zu verankern.

Es dient zu einer Bestandsaufnahme von Klangkunst 2013.


Bei diesem Projekt ab cd gab es zwei Prämissen: die eingeladenen Künstler unterschiedlicher Disziplinen sollten sich mit dem Thema Klangkunst beschäftigen und waren angehalten für ihren Beitrag jeweils ein Bild und einen Klang zu überlegen. Dabei ging es nicht darum das Bild als eine reine Ergänzung des Audiomaterials zu betrachten, sondern es konnte auch konträr oder vermittelnd dazu stehen. Bei Appelhoff und Schumbrutzki zum Beispiel liegt die Bedeutung der musikalischen Grafik am nächsten quasi Abbild eines musikalischen Prozesses.




Ich muss sie mir noch mal anschauen, ... eins raussuchen, mit dem ich beginnen kann. Mir fallen immer wieder die Klänge ein. Auf meinem Arbeitstisch aufgeklappt ein runder Rasierspiegel. Er bietet mir die erste Reproduktion seitenverkehrt. Eine Näherung ist möglich.

Bielsa geht mit ihrem Stück Malestar social, auf die soziale und politische Situation in Spanien ein: die Revolte der Masse wird zum Ausgangspunkt einer Klangrecherche genommen. Laura Bielsas Track zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Gespür für Dramaturgie eines Club-Tracks aus.  

Uptmoors Energie spürt man nach dem ersten Takt, Chorphantasie. Man glaubt sich schon auf der sicheren Seite. Bruch und der Titel, Strom, entlädt sich hier, zerteilt vereint und stellt die Logik des Gesangs in Frage. Der elektroakustische Schall hebt es auf eine andere Stufe.

Die Phrase Corneliusstraße 51 wird von Inga Krüger gesprochen, aufgenommen und auf Höhe des 7ten Stockwerks im Treppenhaus der Corneliusstraße 51, Düsseldorf, wiedergegeben. Der Klang wird im Erdgeschoss des Treppenhauses aufgezeichnet, erneut wiedergegeben und im obersten Stockwerk aufgezeichnet. Dieses Prinzip wird 21 Mal wiederholt.

Eine klangliche Selbstinstallation.

Komposition Nummer 1 des Elektro-Ensemble Dividuum entstand in einer Kooperation von Sascha Appellhoff und der Gruppe aus Düsseldorf. Appelhoff hat, als bildender Künstler, eine Grafik entwickelt, die die Musikergruppe als Vorlage nutzte um ihr Stück auf dem SuperCollider umzusetzen.

Sphärische Klänge und exakte Modulationen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie versuchten ein akustisches Porträt ihres Tagesablaufs zu gestalten, dabei lassen sie aber immer den Hauptklangevent weg; was verbleibt dann noch oder wie klingt das? Mit dieser Frage hat sich Dietrich beschäftigt in Ihrem Track in passing und ist zu einer erstaunlichen Antwort gelangt.

Steinhof arbeitet mit Setzungen, wie man schon am Titel seiner Arbeit o.T. (4/4, 90bpm) ablesen kann. Konzeptionell ist die Herangehensweise von Steinhof. Die Bedeutung dieser Arbeit erschließt sich auf vielfältige weise, denn auf dem Weg des dreiminütigen Stücks erleben bestimmen Akzente immer eine neue Deutung und das Metronom wird unterschiedlich körperlich spürbar und formen einen eigenen Rhythmus.

Der Berliner Rosshoff versetzt uns akustisch quasi in eine Großstadt. Elektronische Musik mit ausgeprägten Ambiente-Charakter – untitled (001). Kleine zarte Gebilde tauchen vor uns auf, bevor wir sie identifizieren oder lokalisieren können entschwinden sie wieder.

1. VfK Osnabrück von Glapa braucht keine Spiegelung. Das Wappen der Organisation ist Symmetrie par exellence. Glapa entwirft in ihrem Text ein System der Kunstunterstützung gleich einem Ultra Fanclub, der seinen Verein unterstützt. Klanglich orientiert sie sich an dem Capo, dem Vorsänger der Ultra Fußballfanszene. Sie will den Kunstrezipienten aus der Ecke des nichts tun befreien und ihn an der aktiven Unterstützung seines 1. VfK Osnabrück teilhaben lassen. Ob die Teilhabe gelingen wird, werden Sie mitgestalten.

Fischer fokussiert in backslash, wie ein Klang zum Bild wird. Dazu hat er die Klänge in einem Tattoostudio aufgenommen und kompositorisch arrangiert. Die Direktheit der Arbeit, man denkt sich selbst an den Platz und wird selbst Bild, macht den Reiz dieser Klangarbeit aus.

Haustein präsentiert eine Komposition für Neurasthenié & Bürostuhl. Eine schwarze Schneckenform sich auf dem Papier ausbreitend darunter eine Anleitung ein Text. ... Legen sie die Nadel... Der Klang, sich bildend verdrängt das Zirpen, das Metrum hart gesetzt und exakt ausgezirkelt.

I heard something ... about von Schumbrutzki hingehaucht in Montauk – erinnert an die Zwischenstellung der Arbeit. Titel, gleichzeitig Teil des Librettos wirkt die Klangkomposition wie eine autobiografische Klangreise. Der stärkere musikalische Duktus wird bei Schumbrutzki deutlich.


ab cd  ist sicher nicht die gefällige Klangsammlung. Weder entwickelt es Qualitäten einer Soundtapete, noch ist es für einen ruhigen Abend mit Rotwein im Kerzenschein tauglich. Tatsächlich aber handeln die Aufnahmen dieser Künstler von existentiellen Dingen. Mit Schärfe und kristallklarem Ausdruck wird hier vorgetragen. Man spürt: hier will jemand etwas. Die Arbeiten erzählen von der Fragilität des Augenblicks, von der Zerbrechlichkeit der Existenz. Stellen ungebetene Fragen, aber geben keine Antworten. Denn das Glück ist so flüchtig. So flüchtig wie ein hingeworfener Klang eben sein kann.


So still ist es hier jetzt, dass ich nur noch das Klappern meiner Tastatur wahrnehme. Draußen liegen schon 3 Zentimeter – Weiß und man hört ihn nicht.


Bornhold

a reuter b  bornhold